munich report 15. Oct 2002
Habe nicht vor mich um den Reisebericht zu drücken. Wieso auch, gibt es doch vieles nettes zu berichten aus der bayrischen Metropole. Anlaß der Reise war das temporäre Leerstehen der schwesterlichen Wohnung im aufstrebenden Szeneviertel Haidhausen. Nur zwei S-Bahnminuten vom Marienplatz entfernt und in unmittelbarer Nachbarschaft der Muffathalle, der wohl rennomiertesten Konzertlocation in München ist man direkt mitten im Tag- und Nachtleben von München.
Mittwoch - Am Vorabend noch mit dem Bermudafunk bei Readymade im Karlstorbahnhof gewesen, und im Anschluß noch bis zum Rauswerfer die kurz zuvor bestandene Prüfung gefeiert, daher erst nachmittags Aufbruch gen Bayern. Unserem Wunsch nach ICE Direktverbindung konnte die Bahn erfreulicherweise gerecht werden und so waren wir in weniger als drei Stunden schon in Mjunik Central. Beim Betreten der U/S-Bahngewölbe anhand Wartezeit kleiner 2min direkt gemerkt, dass man offensichtlich in einer Großstadt angekommen ist. Sehr angenehm das. Zuletzt hatte ich diese Erfahrung bei meinem Hamburgtrip. Die Wohnung ist dank Doppelverglasung schön ruhig trotz Lage an Hauptstraße und durchweg stilvoll eingerichtet. Durchgängiges Parkett, ästhetische Farbkombinationen an den Wänden und stylische Sitzgelegenheiten, die nicht nur gut aussehen, sondern auch noch bequem sind. Wieviel die für die Wohnung bezahlen möchte ich lieber nicht wissen. Unter Tausend Euro läuft da mit Sicherheit gar nichts. Der allgemeine Gentrifikationsprozess im Stadtviertel tut sein übriges zum Mietniveau. Mein Schwager nannte das sehr passend “Schwabifizierung”. Der gleiche Prozess, der auch schon das belgische Viertel in Köln, das Schanzenviertel in Hamburg und Friedrichshain in Berlin heimgesucht hat. Das zunehmende verschwinden von “normalen” Läden und das gehäufte Auftauchen von Edel-Boutiquen betrieben von gelangweilten Managerfrauen auf dem Selbstverwirklichungstrip. Am Abend dann eine erste Kontaktaufnahme mit dem Nachtleben in Form eines kurzen Ausfluges zum beinahe leeren Indiepop-Club Substanz, der allerdings schon wenige Minuten nach unserem Eintreffen seine Pforten schloß, so dass wir uns genötigt sahen unsere gerade bestellten Getränke mehr oder minder hastig in unsere Hälse zu stürzen. Die Bedienung meinte auf Nachfrage, dass “die Leute von der Wiesn’ ja noch so platt und pleite wären, dass das Nachtleben erfahrungsgemäß die nächsten zwei Wochen nur sehr eingeschränkt gelebt würde”. Nach dem verlassen des Lokals erlebten wir dann direkt die nächste Enttäuschung, da die letzte S-Bahn schon abgefahren war und die nächste erst in drei Stunden käme. Wir fühlten uns als Touris geoutet, sahen unser Bild der ewig pulsierenden Metropole München angekratzt und trippelten verschämt durch die Nacht nachhause.
Donnerstag - Obwohl wir verhältnismäßig früh ins Bett gegangen waren sind wir ganz studentisch erst gegen Mittag aus den Federn gekommen. Aus Interesse, aber auch um nicht allzu hedonistisch gegenüber unseren Eltern dazustehen entschlossen wir uns den Tag ein wenig mit Hochkultur zu füllen und unternahmen einen Ausflug zum Schloß Ludwigs II. auf der Herreninsel im Chiemsee bei Prien. Das ganze sollte sich aufgrund der Nebensaison als recht persönliche Veranstaltung herausstellen. Außer uns befanden sich auf der Insel nur einige wenige vereinzelte Besucher, so dass man sich fast hätte der Illusion hingeben können es sei “seine” Insel. Sehr fürstlich das. Das Schloß stellte sich dann als der totale Protzkasten heraus. Kiloweise Gold, Porzellan und Kristall und Tonnenweise Marmor wurde in den zwanzig ausgebauten Räumen verarbeitet. Das Schlafzimmer war dann derart pompös das in mir beim Anblick ein leichtes Übelkeitsgefühl hochkroch. Die Vorstellung in dem Raum zu schlafen erschien mir abwegig. Die große Halle mit ihren Kronleuchtern mit insgesamt über 2.000 Kerzen an der Decke erschien mir als eine geeignete Location für die Promotour der neuen Tocotronicplatte. Im Speisesaal dann ein Nettes Gadget: “Tichlein-Deck-Dich”. Eine für das 19. Jahrhundert extrem forschrittliche Konstruktion, bei der ein Tisch mithilfe eines Fahrstuhls durch ein Loch im Fußboden in den Keller gefahren werden konnte, wo er vom Dienstpersonal mit den edelsten der edlen Gaben bestückt würde und dann wieder nach oben ins Speisezimmer gefahren würde, so dass der König dann unbehelligt vom niederem Volk sein Mahl zu sich nehmen konnte. Sein großes Vorbild war dabei der Sonnenkönig Ludwig XIV. aus Frankreich. Dessen antiquierten Lebensentwurf versuchte der König größenwahnsinnigerweise in die damalige Zeit zu retten (Schloß Neuschwanstein und mindestens noch ein weiteres Bauwerk gehen noch auf sein Konto). Nach soviel Pomp dann am Abend ein wunderbar minimalistisches Gitarre-Powerbook Set von Komëit im Pathos Transport Theater zusammen mit ihren wunderbaren Labelkollegen Masha Qrella. Ein für münchner Verhältnisse recht unkommerzieller Läden. Zwar nicht bei der Preisgestaltung, aber in Sachen Innenraumgestaltung wirkte es sympathisch improvisiert und nicht-klinisch. Den Nachhauseweg meisterten wir dann ganz gekonnt mit zwei Nachtstraßenbahnen, die wir uns vorher herausgesucht hatten.
Freitag - Der Freitag sollte ganz dem ausgiebigen Plattenstöbern vorbehalten sein. So abwegig es auch klingen mag, aber man kann ganz wunderbar einen kompletten Nachmittag in einem 5qm großen Raum verbringen und sich dabei prächtig unterhalten fühlen. Zumindest wir konnten das tun. Im Hausmusik Ladengeschäft. Die erste Adresse in Deutschland für Indietronics (“Zwischen Gitarre und Experiment”). Im Laufe des nachmittags dann so etwa fünfzig-sechzig Tonträger abgespielt und letztlich mit zwölf Stück nachhause gegangen. Mengenrabatt gabs auch. Zehn prozent mußten es dann schon sein. Getränke und Liebe Bedienung gabs gratis. Sehr persönlich der Laden, anders kann man das nicht sagen. Am Abend dann das legendäre Atomic Café aufgesucht und dort das wohl geschmackssicherste Britpop-Indiepop-Set seit langem gehört: The Notwist, Lali Puna, Die Sterne, Travis und vieles mehr, der einzige Totalausfall: “The Farm - All together now”. Die Inneneinrichtung war mindestens ebenso stylish wie das DJ-Set und so konnten wir uns eigentlich nur an den horrenden Getränkepreisen stören, aber die sind ja in München normal.
Samstag - Am Nachmittag nochmal ein kurzer Ausflug zum Plattenladen Optimal, aber im wesentlichen nur zum Gastgeschenk kaufen. Dort hat übrigens auch schon Robbie Williams eingekauft. Danach wollten wir dann eigentlich noch zum Sunnymoon, der hatte aber schon geschlossen. Nach dem Plattenstöbern wollten wir dann ursprünglich ins Deutsche Museum, aber das macht schon um siebzehn Uhr zu und so konnten wir nur noch ein halbes Stündchen schnuppern und mußten dann schon wieder den Heimweg antreten. Am Abend dann ein Ausflug in den Kunstpark Ost (so ca. 20 “Clubs” auf einem Gelände am Ostbahnhof), der sich als absoluter Reinfall herausstellen sollte. Es beschlich uns schon ein ungutes Gefühl, als wir die Diskostrahler am Nachthimmel sahen und das steigerte sich dann am Eingangsbereich des Geländes, wo uns erstmal ein paar Securityleute mit einem eingeklemmten Störenfried entgegenkamen und zuhauf Buffallo- und aufknüpfbare Adidashosenträger auf den Partycampus strömten. Aufgerissene Verhütungsmittelpackungen vervollständigten dann das Bild. Die einzigen netten Läden auf dieser schrecklichen Kirmes konnten dann auch nicht wirklich beistern. Der “Keller” wartete hinter dem Deckmantel Independent mit einer langweiligen Crossover Numetall Mischung auf sein Publikum. Theoretisch wäre ja noch das Ultraschall als Anlaufstelle gewesen, aber da war an dem Abend irgendsoeine Technoveranstaltung und kein Electronica oder Drum n Bass. Bestimmt auch nicht schlecht, aber einfach nicht mein Ding. Wir sind dann recht bald wortwörtlich vom Gelände gerannt um dem Proletenpack und der Pseudoschickeria (inkl. gemieteter(?) Stretchlimo) zu entkommen. Naja, so sind wir dann wenigstens mal etwas früher ins Bettchen gekommen.
Sonntag - Am letzten Tag dann nochmal eine Dosis Kultur: Der angerissene Besuch beim Deutschen Museum wurde forgesetzt. Dieses ist auf jeden Fall ein Pflichtbesuch in München, für den, der es noch nicht kennt. 55 verschiedene - teilweise riesige - Abteilungen laden ein zum gemütlichen Kulturschlendern mit Bildungsgarantie. Wir waren bestimmt drei Stunden dort und haben gerade mal die Bereich Bergbau, Luftfahrt, Eisenbahn, Astrophysik und Informatik geschafft. Und das wirklich nur eher oberflächlich. Sehr beeindruckend auf jeden Fall die scheinbar endlosen Kellergewölbe in denen sehr authentisch eine Stollenlandschaft nachempfunden wurde. Ebenso die diversen Flugzeuge und Eisenbahnen in Originalgröße. Wenn man sich alle Abteilungen im Deutschen Museum anguckt, dann kann man dort sicher gut drei Tage verbringen. Zusammenfassend läßt sich sagen, dass das Leben in München durchaus recht lebenswert ist, mit der Einschränkung, dass man ordentlich finanziell bestückt sein muss um wirklich Spaß zu haben. Das nächste Mal München ist schon recht bald. Wenn nichts schiefgeht, dann werden wir das Hausmusikfestival am 9. November im Pathos Transporttheater besuchen und dort den Electronicaklängen diverser Morr Music-Acts lauschen.
ein toller, toller report. ich lese, dass es nette tage waren. so könnte ich mir freizeit glaube ich auch vorstellen. mit einem wir. und einen neuen musiktipp gab es auch gleich dazu komeit. die cd bestelle ich jetzt glaube ich. und übrigens finde ich den stollen im deutschen museum auch sehr beeindruckend. aber auch alles andere ist wie geschrieben sehr sehenswert.
Als Münchner wollte ich nur sagen, es heißt “…von der Wies’n…” und lass Dir sagen, dass man nicht nur in einem “schwabifizierten” Viertel in München mind. 1000 Euro für gerade mal drei Zimmer und 75 qm blecht…
Aber auch ich habe Deinen Bericht gerne gelesen, schließlich ist man neugierig, was die Touris so von uns und der Stadt halten ;-)
danke für den Korrekturhinweis und die Propps…Änderung ist vollzogen!
Ja…also sehr nett beschrieben…man fühlt sich beim lesen München sehr nahe. werde mir das jetzt wohl mal ausdrucken…ist ja eine Erinnerung :)
Jule