the medium is vanishing 28. Nov 2008

Ich habe beobachtet, dass es bei jüngeren Menschen in der Tat eine fehlende Bindung zu Tonträgern zu geben scheint. Diese Menschen besitzen dann typischerweise weniger Tonträger als ein Mensch Finger an seinen beiden Händen hat. Ihre Musik laden sie sich bei Rapidshare herunter und wenn sie dort nichts finden, dann kaufen sie auch mal eine handvoll Tracks bei einem Online-Store. Dass einige dieser Audiodateien Wasserzeichen enthalten stört sie nicht weiter, denn sie wissen garnicht was das ist.

Diesen digitalen Tondokumenten wird keine Liebe geschenkt. Die Musiksammlungen solcher Menschen sind meistens Kraut und Rüben. Die Metadaten der Audiodateien spiegeln das zerrüttete Verhältnis ihrer Besitzer zum Medium wider. Coverart sucht man hier meist vergeblich, es sei denn es handelt sich um eine gekaufte Audiodatei welches schon ab Werk damit versehen war, auch beim Thema Bitraten sieht es düster aus und beim Thema Lossless erntet man nur ein großes Achselzucken.

Solche Menschen besitzen darüber hinaus keine Datensicherung ihrer Musiksammlung. Da diese Menschen ihren Rechner ähnlich stiefmütterlich wie ihre Musiksammlung behandeln stürzt dieser von Zeit zu Zeit mal ab. Manchmal geht dabei auch die Musiksammlung verloren, das finden diese Menschen dann etwas ärgerlich, aber wirklich stören tut es sie nicht, denn sie können die Sachen ja einfach wieder aus der großen Bibliothek, dem Internet, herunterladen.

Manchmal machen sich diese Menschen auch nicht Mühe ihre Musik herunterladen, es gibt ja die meisten Sachen auf bei Video-Dienstleistern. Sie legen sich dann einfach ein paar Lesezeichen auf Musikvideos an und wenn sie ein Lied hören möchten wollen, dann klicken sie einfach auf das Lesezeichen. Gelegentlich werden bei den Anbietern Videos entfernt, das stört sie aber nicht, denn meistens findet sich der Track noch irgendwo anders wieder.

Ich als Nerd betrachte dieses Geschehen mit einem milden Stirnrunzeln. Fakt ist, die meisten Menschen sind nunmal keine Kontrollfreaks. Für diese Menschen ist okay, wenn sie einen Track mal nicht finden, weil er schlecht getaggt ist. Für sie ist es okay, wenn sie Musik verlieren weil sie kein Backup haben. Für sie ist es okay, wenn ein Anbieter einen Track löscht, den sie gehört haben. Diese Menschen betrachten das Leben viel mehr als ein Lauf des Schicksals denn als Kontrollfeld. Wenn der DRM-Server eines Musikanbieters abgeschaltet wird und damit die Musiksammlung beim Kauf eines neuen Computers entwertet wird, dann meint es das Schicksal halt nunmal so.

Ich als Connaisseur wundere mich darüber, dass diese Menschen nicht das haptisch-emotionale Erlebnis eines physischen Tonträgers vermissen. Gerade in einer Welt wo Menschen sich komplette Labelkataloge via Torrent herunterladen stellt die Anschaffung eines physischen Tonträgers ein Symbol für Wertschätzung und emotionale Bindung dar. Was ist denn schon der emotionale Wert eines Downloads von einem Ein-Klick-Hoster im Vergleich zu einem beim Konzert aus den Händen des Künstlers erworbenen und signierten Tonträger der schon unzählige Male durch die eigenen Hände gegangen ist?

Letztlich muß jeder Mensch für sich selbst entscheiden wieviel Liebe er seiner Musiksammlung schenkt.

 

Kommentare (9)

  1. b. 29 minutes later

    Innerer Monolog?

  2. Stefan 34 minutes later

    Nicht ohne Grund hat David Heinemeier Hansson sein Weblog “Loud Thinking” genannt!

  3. Eikman About 14 hours later

    Ich schlafe schon unruhig, wenn ich auf meiner Festplatte eine handvoll Tracks habe, die noch nicht nach meinem Schema benannt und getaggt ist. Manche nennen das Obsession, ich nenne es Ordnung. Ansonsten gebe ich dir Recht, aber die meisten dieser Leute haben nicht nur keine Bindung zu Tonträgern, sondern generell eine sehr schwache zur Musik.

  4. DifferentStars 1 day later

    Mit diesem Beitrag sprichst Du mir aus der Seele. Die Leute, die wahllos runterladen und verkonsumieren berauben jedoch nicht nur die Künstler - sondern in erster Linie sich selbst.

    Genießen können ist auch eine Kunst. Für mich ist es immer noch ein besonderer Moment eine CD das erste Mal aufzuklappen - das Booklet in den Händen zu halten und sie in meine CD-Sammlung einzufügen.

    Ich kaufe kaum Mp3s - lieber warte ich ein paar Wochen und lasse mir die CD aus dem Ausland schicken.

    Manchmal warte ich auch ein bisschen länger - da mein Budget sich meinem Musikhunger verweigert.

    Aber gerade dann ist es ein besonderes Fest das ersehnte Werk mein eigen nennen zu dürfen.

    Eben genau diese Gefühle fehlen den Alles-Downloadern.

  5. Findelgrimm 1 day later

    Ja! Ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage. (lass mich raten: Maria und ich haben dich unter anderem zu diesem Essay inspiriert?)

    Bei mir war es ein schleichender Prozess vom Genusshörer zum Mp3-Babaren. Habe mich schon oft gefragt wie es dazu kam. „Früher“ hatte ich eine CD gekauft, sie mir Wochenlang angehört, die Texte auswendig gelernt, eingehend die Covergestaltung bewundert etc. und heute? Da lade ich mir Alben runter, hör mir 2-3 Tracks an und denke mir anschließend: „Klingt ja ganz nett“ oder „Naja grad noch so okay“ aber niemals mehr: „WOW! Genial, die CD muss ich haben.“ Und das Album verschwindet sang und klanglos im unsortierten Sumpfmorast meiner Musiksammlung, bis die Partyjukebox sie wieder exhumiert.

    Bei mir ist der Verlust der Wertschätzung der Tonträger in der Tat mit der Wertschätzung der Musik generell in den Keller gegangen.

    Du hattest doch schon mal verwiesen auf einen Artikel über den Musik-Snobismus mancher Konzertgänger, da sehe ich viele Übereinstimmungen. Statt sich wie „damals“ einfach zu freuen das eine nette Band spielt denk ich mir als „Musiksnob“ heute: „Bassdrum zu Laut abgemischt, Akustik allgemein schlecht, Gitarre hat zuviel Mittenmumpf, die A-Seite der Geige ist nicht auf 440 Herz… Schon besseres gesehen.“ Im Grunde genommen sind es die selben Gedankengänge wenn ich mir neue Alben anhöre.

    Die Musik (zumindest die meines bisherigen Lieblingsgenres) lässt mich mehr und mehr kalt und somit bleibt auch die I-Tunes CD Cover Spalte leer und einsam, als Zeichen des „zerrütteten Verhältnis seines Besitzer zum Medium“.

    Vielleicht sind diese akustischen Ermüdungserscheinung aber auch normal, wenn man 7 - 8 Jahre Musik aus nur einem Sub-Genre hört und es muss, in meinem Fall, nur etwas wirklich Neues her um wieder Conaisseur zu werden?

  6. Ben 5 days later

    Ich stimme Stefan zu, so manche Musik ist etwas Besonderes und sollte auch besonders behandelt werden. Mit dem Überangebot durchs Internet kommt aber auch die Verflachung der Konsumenten, es kommt einfach immer zu viel Material nach, bzw. das Internet erweitert zu stark den Musikhorizont, das ist eben nicht immer nur gut!

    Ich orientiere mich gerne an metacritic.com, hätte ich allerdings immer auf die Wertung geachtet wäre viel schöne Musik untergegangen, aber wie bitte soll ich auch den Überblick behalten ???

    Naja, psychologisch finde ich auf alle Fälle diesen “Ich herze meine erworbene Platte (erlegtes, erkämptes Gut) und ordne Sie in ein Schema (mein Leben, Lebensentwurf/Life-Styling, Abstraktion der Wirklichkeit als Informations und Möglichkeiten-Überfluss-bremse) ein um sie nie mehr aus dem Blickfeld zu verlieren (Verlustangst, Kontrollzwang,)”-Komplex echt interessant…

    Ich habe diesen Drang auch, entsage ihm aber so oft wie möglich, ärgere mich dann manchmal über unsortierte Downloads, aber Zwänge sind wohl einfach so.

    Ach Stefan : Ich hab mal dieses Tagster-Tool der Uni ausprobiert… Bin ich zu blöd, oder geht damit mal grad gar nix ? ;) Gibt es ein Tool mit dem ich Dateien auf der Festplatte taggen kann?

  7. Ben der Blob 5 days later

    Manchmal sollte man eben nicht alles wie ein Blob in sich einsaugen, weniger ist eben doch mehr, löscht von Zeit zu Zeit mal was ihr nicht zum Überwintern braucht in euren Altbauwohnungen!

  8. Stefan 5 days later

    Nichts für ungut, aber Leute bei denen Musik eine Ingredienz zum Life-Styling ist, die können einem ja wohl nur leid tun.

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