trust in the swedish society 07. Feb 2010

Als ich kürzlich in Stockholm war ist mir mal wieder klar geworden, dass es gewisse Aspekte der schwedischen Gesellschaft gibt, die mir sehr sympathisch sind. Ein zentraler Aspekt dieser Gesellschaft ist meinen Beobachtungen zufolge das Konzept des gesamtgesellschaftlichen Vertrauens. Natürlich gibt es in Schweden wie in jedem anderen Land auch Kriminalität, aber nichtsdestotrotz wird im Alltag viel mehr über Vertrauen geregelt.

Ein Beispiel ist die Stadtbibliothek in Lund. Als ich mich dort angemeldet habe wurden zwar meine persönlichen Daten erfasst, aber ich mußte weder meine Identität noch einen schwedischen Wohnsitz in irgendeiner Form nachweisen. Ein anderes Beispiel ist die schwedische Bibliothek in Berlin, gewissermaßen eine schwedische Enklave. Man kann dort jederzeit beliebig viele Bücher ausleihen und kein Mensch und keine Maschine kontrolliert den Ausleihvorgang. man nimmt sich einfach die Bücher und trägt selbst auf einen Zettel ein, was man sich mitgenommen hat. Der Jahresbeitrag ist gestaffelt nach Status, Studenten und Arbeitslose bezahlen weniger, es wird aber in keiner weise kontrolliert ob dieser Status auch tatsächlich vorliegt. Ein weiteres Beispiel ist der Schlittschuhverleih am Kungsträdgården in Stockholm. Man kann dort stundenweise Schlittschuhe ausleihen und muss dabei weder einen Pfand deponieren noch wird in irgendeiner weise die tatsächlich Leihdauer kontrolliert. Man sagt bei der Rückgabe einfach dem Angestellten wie lange man gefahren ist und dann berechnet er den entsprechenden Betrag. Ein anderes Beispiel ist ein Hamburger-Schnellrestaurant in Stockholm. Dort ist nach dem Essen immer ein Gratiskaffee inklusive. Kein einfacher Filterkaffee aus der Kanne sondern frischgemahlener Kaffee mit feiner Crema aus dem Vollautomaten. Den Kaffee holt man sich selbst und es wird in keiner weise kontrolliert wieviele Tassen man sich nimmt oder ob man überhaupt vorher dort etwas gegessen hat. Ich könnte diese Liste mit Beispielen beliebig fortsetzen.

In Deutschland wären derartige vertrauensbasierte Regelungen selbst in Kleinstädten völlig undenkbar. Es gibt hier in diesem Land einfach viel zu viele Menschen die nicht in der Lage sind mit Vertrauen umzugehen. Die Mißbrauchsquote wäre derart hoch, dass jedes vertrauensbasierte System sofort kollabieren würde. Die interessante Frage ist natürlich nun warum das so ist. Eine denkbare Antwort wäre, dass ein Mißtrauensklima immer in Mißbrauch resuliert, sprich wenn alles immer überall strikt reglementiert ist dann sind die armen Deutschen völlig überfordert, wenn ihnen plötzlich einfach mal vertraut wird und müssen dann ihren jahrelang in der Mißtrauensgesellschaft angestauten Frust darin entladen im Urlaub das Hotelhandtuch zu klauen.

Erfreulicherweise gibt es aber auch in Deutschland Möglichkeiten Vertrauen zu erfahren.

Eine zugegebenermaßen etwas ordinäre und auch deprimierende Möglichkeit ist über den Faktor Geld. Wenn man sich in einer Umgebung befindet, in der man in irgendeiner Form nachgewiesen hat, dass man über eine gewisse Finanzkraft verfügt, dann wird einem im allgemeinen deutlich mehr Vertrauen geschenkt, sprich wer viel Geld hat, der hat es nicht nötig ein System zu mißbrauchen. Ein Beispiel dafür sind Lounges von Fluglinien oder auch der Bahn.

Eine etwas erfreulichere wenn auch nicht wirklich sympathische Möglichkeit Vertrauen herzustellen ist der Faktor Bildung. Wenn ich mich in einer Umgebung befinde wo ich nachgewiesen habe, dass ich über ein gewisses Bildungsniveau verfüge, dann wird mir im allgemeinen auch mehr Vertrauen entgegen gebracht. Bestes Beispiel ist eine Bekannte die als Professorin an einer Universität gearbeitet hat. Diese ist mal in eine Verkehrskontrolle gekommen. Die Autos vor ihr wurden sehr ausführlich kontrolliert. Als Sie an der Reihe war hat der Polizeibeamte nur ihren akademischen Grad auf dem Personalausweis gesehen, dies anerkennend festgestellt und sie direkt ohne weitere Fragen durchgewunken.

Die einzige einigermaßen sympathische Möglichkeit in Deutschland Vertrauen entgegen gebracht zu bekommen läuft über den Faktor Kulturgeschmack. Wenn man sich in kleinen Szenenkreisen bewegt, dann wird einem auch in Deutschland oft Vertrauen entgegen gebracht. Da passiert es einem dann vielleicht, dass der Inhaber des Ladens den man gerade vor einer halben Stunde zum ersten mal betreten hat einen bittet doch mal kurz auf den Laden aufzupassen während er sich einen Kaffee holt oder die Band nimmt keinen Eintritt sondern läßt nach dem Konzert einen Hut rumgehen wo jeder soviel reinlegen kann wie er möchte. Wohltuende Inseln des Vertrauens.

 

Kommentare (3)

  1. Findelgrimm About 2 hours later

    Während des Lesens, bevor ich beim letzten Abschnitt angekommen war ist mir ebenfalls der Punkt “bestimmte Kulturkreise” eingefallen. Im damaligen Café Flair in Dormagen sollte ich auch mal für 5 Minuten auf die Kasse aufpassen, oder bekam meinen Club Mate im Jugendmusikzentrum Hamburg gratis, mit dem Vermerk ich könne den ja nächstes mal bezahlen.

    In England ist mir das Vertrauen bzw. die Großzügigkeit der Bevölkerung auch sehr aufgefallen. Zum Beispiel durfte ich gratis in ein Museum, als ich an der Kasse merkte, dass mein Geld nicht für den Eintritt reichte. Das gleiche an der Kasse eines MediaMarkt-ähnlichen Ladens. Als ich merkte, dass ich für eine CD nur 8 statt der ausgeschriebenen 9 Pfund dabei hatte meinte der Kassierer bloß “schwamm drüber.” Ach ja, und einige wildfremde Jugendliche am Strand meinten am selben Tag zu uns: “Hey wir haben tolles frisches Mariuana, wollt ihr nicht mit uns rauchen?”.

  2. Stefan About 3 hours later

    Als besonders generös haben sich die Schweden mir gegenüber noch nicht gezeigt. Ich glaube das Klischee sagt sogar eher das Gegenteil, wobei sie sicher nicht so schlimm sind wie die Geiz-ist-geil-Deutschen.

  3. b. 1 day later

    Angst und Unsicherheit wird uns ueberall suggeriert. In einigen Teilen der Gesellschaft funktioniert jedoch Vertrauen.

    Bei der Audimaxbesetzung standen viele Notebooks unbewacht einfach so im Audimax. Erst bei einer oeffentlichen Veranstaltung (eines Konzertes) wurde ein Notebook entwendet. Es stand die ganze Zeit auf dem Fussboden neben den zu bemalenden Transpis. Wegen des Konzertes brachte eine Frau den Laptop zum Pfoertner, dort holte ihn eine unbekannte Person (nicht die Eigentuemerin) kurz drauf ab. Der Pfoertner ueberpruefte nicht die Person, sondern vertraute ihr.

    Ich finde schade, dass Vertrauen missbraucht wird. Missbrauch von Vertrauen findet in Neidgesellschaften und in Angstgesellschaften statt.

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