about authenticity and fear 30. Apr 2010

Haben Sie mit Anfang zwanzig nicht auch manchmal Sachen gesagt, die Sie heute nicht mehr gedruckt sehen wollen? (Sahra Wagenknecht in der Taz als Referenz auf ihre Verherrlichung der DDR Anfang der Neunziger Jahre)

Klare Antwort: Nein. Ich habe vielleicht in meiner Kindheit manchmal häßliche und unsinnige Sachen gesagt, aber spätestens ab meiner Jugend stehe ich zu meinen Aussagen. Bei den allermeisten Sachen die ich Anfang Zwanzig gesagt habe, würde ich sogar die Formulierung unverändert stehen lassen. Ich war auch niemals Mitglied in einer Partei eines totalitären Staates. Ich habe menschenverachtende Gruppierungen schon seit jeher gemieden. Das Bedürfnis mir treu zu sein war jedoch oft gegenläufig dem Bedürfnis nach guter sozialer Integration. Im Zweifelsfall bin ich in meinem Leben aber immer lieber ein Außenseiter gewesen als mich irgendwelchen fragwürdigen Mehrheitsmeinungen zu unterwerfen. Das Leiden was durch die Selbstverleugnung erzeugt wird war in meinem Empfinden immer größer, als das Leiden durch die soziale Isolation.

Die Treue zu sich selbst war natürlich in der frühen Jugend teilweise schmerzhaft. Das höchste Prestige hatten natürlich immer die Jungs die systematisch verbal erniedrigt und geprügelt haben. Natürlich habe ich mich diesen Vorgängen nicht vollständig entziehen können. Wer das macht, der muss schon eine sehr starke Persönlichkeit haben und vor allem extrem schlagfertig sein. Beides trifft auf mich nicht zu. Ich bin letztlich ein erbärmlicher Feigling. Ich habe die ungezügelte Gewalt in meiner Klasse gegenüber Schülern und Lehrern weitesgehend toleriert aus Angst selbst zum Opfer zu werden. Aus dieser Perspektive kann ich ganz klar sagen, ich hätte nicht die Hitlerdiktatur verhindert. Vielleicht wäre ich bei der frechen Swingjugend dabeigewesen, aber sicher nicht bei der Weißen Rose.

Letztlich habe ich also manchmal aus Angst vor Repressalien meine Meinung zurückgehalten, aber wenn ich sie geäußert habe, dann ohne Rücksicht auf einen möglichen Verlust von sozialer Anerkennung.

 

you and your five hundred friends 20. Sep 2007

Bringen es schon die zurückhaltenden Deutschen auf durchschnittlich 35 Freunde (von denen sie ein Drittel noch nie in natura gesehen haben), so zeigen sich die jungen Brasilianer mit 91 Freunden noch wesentlich kontaktfreudiger. (Quelle: Heise)

Wie kann jemand allen ernstes behaupten eine fast dreistellige Anzahl an Freunden zu haben ? Es handelt sich hierbei wohlgemerkt um Durchschnittswerte. Ich vermute mal, dass hier nicht Freunde sondern Onlinebekannte gemeint sind, also “Friends”. Zu einem Freund gehört für mich neben einer grundsätzlichen Sympathie dann doch mal ein gewisses Vertrauen und eine mehr oder minder regelmäßige Beziehungspflege. Wie jemand bei derart inflationären Freundeszahlen noch in der Lage sein soll dies zu bewerkstelligen ist mir ein ziemliches Rätsel. Besonders schön kann man dieses Phänomen bei diversen webzwonulligen Websites beobachten. Da gibt es dann Nutzer die allen ernstes eine Kontaktliste mit einer hohen drei- oder gar vierstelligen Zahl Einträgen aufweisen. Im englischen gibt es dafür den schönen Begriff “contact whore”. Besonders albern finde ich das Verhalten im Zusammenhang mit Xing, da hierbei das Kontaktevermitteln ad absurdum geführt wird. Wenn jemand die Einträge auf seiner ellenlangen Kontaktliste sowieso nicht kennt, dann kann ich diejenigen auch gleich direkt ansprechen.